Spoga’s Weblog


Bürokratisches Amerika oder die Frage, wie strapazierfähig sind meine Nerven?
20 August 2008, 17:07
Gespeichert unter: Anekdoten

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten angekommen, habe ich mir als erste Aufgabe gestellt, einen Mobilfunkvertrag abzuschließen, um in irgendeiner Art und Weise erreichbar zu sein. Ich muss dazu sagen, dass es in unserer Wohnung keinen Festnetzanschluss gibt, generell glaube ich, dass nur noch eine handvoll Amerikaner überhaupt so etwas Altertümliches besitzt. Außerdem haben wir derzeit noch kein Internet, was aber ab Ende dieser Woche anders werden soll. Daher habe ich mich gleich Sonntag auf den Weg zum Handyladen begeben (einer dieser Tage an denen ich mich unheimlich darüber freue, dass hier in Amerika auch Sonntag so ziemlich alles geöffnet hat). Im Laden angekommen habe ich mich innerhalb von 10 Minuten für ein Handy und einen Vertrag entschieden und die freundliche Verkäuferin fing gleich an, alle meine Daten ins System einzugeben. Reisepass und Visum habe ich vorgelegt und auch schon eingewilligt, dass ich für ein Jahr eine Kaution von $400 Dollar hinterlegen würde. Die Kaution kommt daher, dass ich hier in den USA noch keine ausreichende „credit history“ besitze (ich habe zwar eine Kreditkarte von der amerikanischen Bank, diese aber glaube ich noch nicht häufig genug eingesetzt), und der Mobilfunkanbieter jetzt erst mal ein Jahr gucken möchte, ob ich auch immer pünktlich meine Rechnung begleiche, bevor mir die Kaution zurück erstattet wird. Soweit also alles in Ordnung, nur hatte ich noch keinen Nachweis darüber dabei, dass ich jetzt hier in Boston wohne. Dieser Nachweis kann z.B. ein Schreiben von der Bank sein, auf dem mein Name und meine Anschrift stehen. Glücklicherweise war gleich bei meiner Ankunft hier in Boston ein Kontoauszug von der Bank and meine derzeitige Adresse geschickt worden, die ich kurz zuvor online angegeben hatte. Also habe ich im Handyladen gesagt, dass ich das Schreiben am nächsten Tag vorbei bringen würde und daraufhin würden sie mir dort das Handy freischalten und aushändigen.

Also begebe ich mich am nächsten Tag wieder in den Laden. Die Entscheidung, ob ein Handy freigeschaltet wird, liegt nicht in der Macht der Verkäufer, sondern in der des „credit departments“ (so haben die das glaub ich genannt). Ich bringe also den Kontoauszug mit meinem Namen und meiner Anschrift vorbei, eine Verkäuferin faxt es zum „credit department“ und wird kurz drauf von denen zurück gerufen. Jetzt sollte man eigentlich meinen, dass ich alles nötige vorgelegt habe. Sollte… Das credit department sieht das anders und sagt der Verkäuferin, dass ich noch einen zweiten Nachweis über meinen Wohnsitz vorlegen muss! Warum auch immer, so was muss man glaube ich als Normalsterblicher nicht verstehen. Die Verkäuferin fragt mich also, ob ich noch irgendetwas anderes habe, z.B. einen Mietvertrag oder eine Nebenkostenabrechnung. Habe ich natürlich alles noch nicht. Ob ich eine Massachusetts ID habe? Nein, woher denn, ich bin ja gerade erst hier hingezogen. Das alles sagt die Verkäuferin dem Menschen am anderen Ende der Leitung und motzt ihn gleich auch noch ein bisschen an und fragt, warum es den gerade erst hier hinziehenden internationalen Studenten so schwer gemacht würde, es wäre ja jedes Jahr das gleiche. Ich scheine also nicht die einzige zu sein, die hier Schwierigkeiten hat. Tja, leider kann sie auch nicht mehr machen und ich sage also, dass ich versuchen werde, eine Massachusetts ID zu bekommen und dann noch mal zum Laden zurück zu kommen.

Die Massachusetts ID (Mass ID) erhält man hier im „Registry of Motor Vehicles“ (RMV) und da war ich letztes Jahr schon mal, wegen genau der gleichen Sache und habe damals nichts erreicht, aber irgendwie hatte ich mir erhofft, dieses Mal mehr Glück zu haben. Das RMV ist im Zentrum von Boston und vergleichbar mit unseren Bezirksämtern. Die Wartezeiten sind genauso lang und das Personal mindestens genauso freundlich wie bei uns. Ich habe mich also Montag Morgen um 7.30 auf den Weg zum RMV gemacht und stand um 8h dort vor der Türe. Ich wusste, dass es erst um 8.30 öffnet, aber ich wollte gerne als eine der ersten da sein, was mir auch fast geglückt ist. Draußen vor der Türe standen erst so ca. 20 Leute und als um 8.30 die Tür aufgemacht wurde, hatte sich die Schlange noch einmal verdreifacht! Ich habe die Nummer 10 erhalten und musste ja sowieso erst das Formular ausfüllen. Die Mass ID gilt als Nachweis für meinen Namen, mein Alter, meine Unterschrift, sowie meine Anschrift hier in den USA. Um ein solches Dokument zu erhalten, wollte die Behörde vier Dinge von mir:

- meinen Pass oder meine Social Security Nummer (SSN)

- einen Nachweis über meine US Anschrift

- einen Nachweis über mein Geburtsdatum

- einen Nachweis über meine Unterschrift

Punkt eins war schnell abgehakt, hatte ich beides dabei: Reisepass und SSN. Als Nicht-Amerikanerin habe ich ja schon das große Privileg, eine Social Security Nummer zu besitzen. Diese Nummer gilt hier als Heiligtum, keine Ahnung womit man die bei uns vergleichen kann. Man braucht sie, um hier arbeiten zu dürfen, also vielleicht so etwas wie eine Sozialversicherungsnummer. Nur kann man hier mit dieser Nummer auch ein Bankkonto eröffnen und muss sie in verschiedenen anderen Situationen angeben. Jedenfalls besitze ich so eine Nummer und habe eine Karte, die ganz offiziell abgestempelt wurde und auf der auch meine Unterschrift zu sehen ist. Aber anscheinend ist diese Nummer gleichgestellt mit meinem Reisepass, jedenfalls wollte die fürchterlich kurz angebundene Dame hinter dem Schalter die SSN nicht als Unterschriftnachweis gelten lassen. Die US Anschrift konnte ich mit dem Kontoauszug von der Bank belegen. Als nächstes Dokument habe ich das I20 Formular vorgelegt. In diesem Formular ist festgehalten, warum ich mein Visum erhalten habe, es enthält: Name, Geburtsdatum, Unterschrift, Adresse der Uni und einen wunderschönen Stempel von der Einwanderungsbehörde (Department of Homeland Security). Dieses Formular war nun geeignet entweder meine Unterschrift oder mein Geburtsdatum nachzuweisen. Aber nur eins von beidem! Also hat sie mich wieder nach hause geschickt und gesagt, ich könnte wiederkommen, wenn ich einen weiteren Nachweis entweder über meine Unterschrift oder mein Geburtsdatum vorlegen kann. Das wundersame ist, finde ich, dass mein Reisepass (weltweit gültig) nicht ausreicht um gleichzeitig als Nachweis für meine Unterschrift und mein Geburtsdatum zu gelten… Wieder so eine Sache, die man nicht verstehen muss. Es gibt eine Liste von Dokumenten, die vom RMV akzeptiert werden, um mein Geburtsdatum oder meine Unterschrift nachzuweisen. Von den ersten 10 kommen für mich nur zwei in Frage: Reisepass und I-94, das ist ein kleines Stück Papier, dass in Boston am Flughafen in meinen Pass getackert wurde und auf dem steht, wann ich eingereist bin, welche Art von Visum ich habe und mein Name und mein Geburtsdatum. Allerdings gibt es vom RMV die kleine Zusatzbemerkung, dass der Reisepass und das I-94 nur als EIN Nachweis gelten. Natürlich, wäre sonst ja auch einfach und unkompliziert… Die restlichen acht Dokumente besitzt man nur als Amerikaner, daher für mich unbrauchbar. Dann gibt es weitere 13 mögliche Dokumente (z.B. amerikanische Scheidungsurkunde, amerikanische Heiratsurkunde, US military discharge papers – was auch immer das sein mag…) Von diesen 13 Dokumenten könnte ich mit viel Glück eventuell 2 auftreiben, eins würde von der Uni abhängen und meiner Einschreibung (die nicht vor dem 10. September geschieht) und das andere von meiner Bank und das wäre auch mit recht viel Aufwand und noch mehr Zeit verbunden. Allerdings bleibt mir wohl nichts anderes übrig.

Herzlich willkommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten…


8 Kommentare bis jetzt
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…tja, bei mir ist eigentlich immer ALLES an der Social Security Number gescheitert (der Pass ist vielleicht an der OSTKÜSTE gleichgestellt, im Red-Neck Westen und zudem in der Wüste sieht das etwas anders aus… „Pässe“ gibt es sowieso eigentlich nur Amerikanische… ;-) ) – insofern solltest Du Dich F-R-E-U-E-N !! *Scherz*

Mein Lieblingsbeispiel zum Thema ist ja immer noch http://de.wikipedia.org/wiki/World_Series.

Viele Grüße !

Kommentar von Herzausgold

Hey Peggy,
cool bleiben, wir sprachen schon drüber! In China hätten sie dich nach Erbringen aller Formulare erst mal ins Arbeitslager geschickt, also stehst du doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch r e l a t i v gut da. Denk an die armen Bürokraten, die brauchen schließlich eine Daseinsberechtigung. Du schaffst das schon, viel Glück!!

Kommentar von Sushi

Hi Spoga,
das ist ja mal ne schöne Tasse Tee. Aber Ende der Woche wird das dann ja bestimmt mit dem Internet klappen. Komme gerade aus meinem kleinen Arbeitslager und hab ne viertel Stunde gebraucht um alles anzugucken ;-)
Bin gespannt aus weitere Nachrichten und rufe dich an sobald ich die Nummer habe.
Bis bald!

Kommentar von Märri

:-D Entschuldige, dass ich hier jetzt lache, aber jeder Politiker gehört in eben dieses Arbeitslager, von dem Sushi21 spricht, wenn er behauptet, in USA sei das Land wo Milch und Honig in der Bürokratie fliesst.

http://roederhallo.de/page6/page6.php?categories=US-Einblick

at least you got your cell. From now on melt down your magnetic strip on your Visa and pay on time those skyrocketing interest rates. The system will reward you with so much credit points, Michael Jordan will be jealous. liek hell.

Kommentar von telemathics

Hey spoga,
ja, die erlaubnisbehörden -
mit dem wirklichen Leben
nicht wirklich in Harmonie,
pfurzen die sessel voll und sind
durch die langen procedere natürlich nur suboptimal produktiv – und das weltweit.
Immer lächeln, auch wenns schwer fällt!
Remember the energy of banana….

Kommentar von Freizeitmakler

während du dich über behördendurcheinander geärgert hast,hat sich oma lotte auf der elisenburg bei Kaup in einer wunderschönen rheinlandschaft mit alten burgen bestens erholt. Du hoffentlich auch, liebe grüsse!!

Kommentar von Freizeitmakler

Na Peggy, das hört sich doch alles super an ^^ Könnte man einen Film draus machen…;)

US Military Discharge Papers wirst du allerdings kaum kriegen können… das kriegt man wenn man aus dem US Militär austritt ;)

Hoffe du bezwingst den Behörden Jungle!!!

Kommentar von Spatorion

Das ist ja wirklich armseelig! Ja, die Amis sind nicht so toll wie sie immer tun.

Und dann noch der Datenschutz…..wenn die in Deutschland schon so viel Schindluder damit betreiben, möchte ich nicht wissen, wie das in Amerika ist. Wahrscheinlich platzt da auch bald die Blase und wir leiden dann wieder darunter….

Kommentar von Tom




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